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Presse
3- Interviews
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"Duo-Spezialist"-Interview in der Zeitung Akustik-Gitarre,
Andreas Schulz, Mai/Juni 2005
  
Interview von Andreas Polte von Archtop Germany mit Frank
Haunschild am 26.02.2006
Hallo Frank, erzähl uns doch bitte ein wenig über
deine Archtop-Gitarren.
Mein Hauptinstrument ist eine Ibanez GB5, mit der ich so gut
wie alles spielen kann, deshalb ist sie auch auf vielen Aufnahmen
von mir zu hören. Daneben habe ich eine Ibanez JS 100, die
unter anderem auch von John Abercrombie auf „Alone Together”
gespielt wurde, eine Gibson Pat Martino, die noch auf ihren Einsatz
in einer größeren Besetzung wartet und eine Doderer
Bariton Elektrik. Die Gitarren kann man auf meiner Homepage auch
alle sehen.
Was ist das besondere an der Doderer Bariton, in welchem
Zusammenhang benutzt du sie? Hauptsächlich in der Begleitung?
Diese Gitarre hat zunächst einmal eine längere, 72er
Mensur. Ich stimme die Gitarre eine große Terz tiefer als
normal, also auf C statt auf E. Das erschließt eine etwas
andere Welt. Die Gitarre ist nicht ganz so leicht zu spielen,
weil viele Akkorde, die auf einer normalen Gitarre im tiefen Bereich
noch schön klingen, auf dieser Gitarre schon „matschen“,
also muss man sein Spiel umstellen, und andere Voicings nehmen.
Wenn ich beispielsweise einen Basston auf der tiefen E-Saite habe,
darf ich nichts auf der A-Saite spielen, am besten auch auf der
D-Saite nichts, dann klingt das richtig schön. Man kann also
nicht alles, was man auf einer normalen Gitarre spielt, einfach
1:1 übertragen, das funktioniert nicht immer. Diese Gitarre
spiele ich gerne wenn ich begleite, oder auch Solo spiele.
An Verstärkern spiele ich zwei AER Acousticube 3 oder neuerdings
auch zwei Schertler Unico als Alternative zu den AERs.
Wie würdest du den Unterschied zwischen diesen Amps
charakterisieren?
Ich finde beide Amps sehr interessant. Der Unterschied ist marginal,
was die Qualität des Klanges angeht. Es gibt aber fundamentale
Unterschiede in den Details. Der AER hat auf jeden Fall seine
Stärken, was den „Schönklang“ angeht, er
klingt HiFi-mäßig, wie von einer CD gehört. Das
macht er ganz klasse und unübertroffen. Dann hat er auch
einen sehr schönen qualitativ hochwertigen Digitalhall, den
der Schertler nicht hat. Er hat halt einen Federhall, allerdings
den besten, den ich je gehört habe. Deshalb benutze ich den
Unico nur, wenn ich auch einen schönen Digitalhall dabei
habe. Ansonsten fehlt mir die Dichte des digitalen Hallraumes
etwas. Die Vorteile des Schertler liegen in der Basswiedergabe,
das Ganze klingt sehr viel dicker und fetter und hat auch mehr
Wumm... Interessanterweise hat der Unico auch Vorteile bei der
Wiedergabe von Nylonsaiten, wohingegen der AER diese ganz klar
bei Stahlsaiten hat. Bei E-Gitarren finde ich sie etwa gleich
gut. Bei meinen Baritongitarren nehme ich lieber den Unico, weil
er eben das bessere Basswiedergabe-Verhalten hat. Bei hohen Lautstärken
würde ich auch eher den Unico nehmen, bei kleineren Räumen
eher den AER. Insgesamt bin ich mit beiden Amps sehr zufrieden.
Welche Saiten spielst du am liebsten auf deinen Archtops?
Meine bevorzugten Saiten sind Pyramid. Ich war an der Entwicklung
beteiligt, daher liegen sie mir natürlich besonders.
In welcher Form warst du da beteiligt, waren das Anregungen
aus deinem Erfahrungsschatz? Bei AER hast du dich doch auch einbringen
können, so viel ich weiß?
Da muss ich jetzt ein bisschen weiter ausholen: Man hat ja immer
das Problem als Musiker, dass man gute Instrumente und gutes Equipment
braucht. Der Handel gibt ja auch einiges her. Man gibt viel Geld
aus und probiert viel aus, sammelt so seine Erfahrungen. Aber
bis man auf die Produkte stößt, die wirklich zufrieden
stellen, kann das sehr lange dauern und viel Geld kosten. Deswegen
bin ich relativ schnell dazu übergegangen, Kontakt zu den
Herstellern selbst aufzunehmen. Anfangs waren es eher Fragen,
die ich hatte, ich habe aber gemerkt, dass die Hersteller schnell
hellhörig wurden. Sie sind ja auch interessiert an Feedback
von Musikern, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Daraus
wurde dann auch häufig eine Art von Zusammenarbeit.
Ich bin eigentlich immer auf der Suche nach dem Supersound, guter
Bespielbarkeit und guter praktischer Umsetzung, alles soll möglichst
nicht so groß und schwer sein; auch nicht zu teuer usw.
Einige meiner Fragen oder Anregungen wurde dann auch von verschiedenen
Herstellern umgesetzt. Bei AER waren das ein paar Bedienungssachen,
vor allem den Acousticube betreffend. Ich habe alle diese Modelle
gespielt und bei jeder Modellentwicklung sind auch Anregungen
von mir mit eingeflossen. Andererseits haben sie natürlich
sehr viele Musiker, die mit Anregungen kommen. Es ist durchaus
möglich, dass eben auch mehrere Musiker mit den gleichen
Anregungen kamen, das will ich mir gar nicht selbst auf die Fahne
schreiben.
Ich bin ja nun auch Tester für „Gitarre & Bass“.
Wenn man mal anhand von älteren Ausgaben so sieht, was an
einem Produkt bemängelt wurde, war das in der nächsten
Modellgeneration meistens behoben. Dazu sind Tester ja auch unter
anderem da. Nicht nur als Informant für die Verbraucher sondern
eben auch als Anreger für die Hersteller.
Mit der Firma Pyramid ist das dann so weit gegangen, dass ich
eine ganze Serie von Saiten entwickelt habe. Das hat zwei Jahre
gedauert. Man hat mir immer wieder Probesätze zugeschickt,
ich habe sie mit Anregungen wieder zurückgeschickt. Das sind
die Pyramid Jazz Saiten, die es in der Stärke .010, .011
und .012 gibt. Es ging von Materialzusammensetzung bis hin zu
Saitenstärken und Schliff. Und war ziemlich viel Arbeit,
aber es ist ein Saitensatz dabei herausgekommen, den ich sehr
klasse finde und der auch noch der preisgünstigste auf dem
deutschen Markt ist. Ich benutze auf allen E-Gitarren den 11er
Satz.
Ich würde natürlich gerne auch auf den „Lehrer“
Frank Haunschild zu sprechen kommen. Letztlich wurdest du in einem
Interview als der „Jazz-Gitarrenlehrer der Nation“
bezeichnet. Das fand ich eigentlich gar nicht so falsch.
Ich meine, das ist nicht so ganz zutreffend, es hat natürlich
auch vor mir schon Leute gegeben, die das gemacht haben. Mein
Lehrer an der Hochschule in Köln war z.B. Axel Jungbluth.
Er war eigentlich der Erste, der mit einer Jazz-Harmonielehre
kam, nur brauchte man für seine Harmonielehre quasi schon
eine Musikausbildung oder eine eigene Bedienungsanleitung. Sie
setzte halt viel voraus. Auf den ersten 17 Seiten kommt man schon
schwer ans Nachdenken. Ich habe dann halt ein Buch geschrieben,
das schön langsam Schritt für Schritt auch zum Selbststudium
geeignet ist.
Man könnte aber schon sagen, dass du derjenige bist,
der das Thema populärer und leichter verständlich gemacht
hat. Ich empfehle speziell den ersten Band auch immer meinen Schülern.
Ja, aber mittlerweile gibt es bestimmt schon 20 Autoren, die
bei renommierten Verlagen ihre Harmonielehrebücher herausgebracht
haben. Damals war ich wohl der erste, der das in leicht verständlichen
Worten formuliert hat.
Du bist ja auch europaweit ein renommierter Workshop-Lehrer.
Gehst du da nach einem Konzept vor, oder lässt du dich eher
auf das ein, was du vorfindest?
Früher habe ich mir vor jedem Workshop viele Gedanken gemacht.
Ich hatte einen ganzen Koffer voller Material und vorbereiteter
Sachen dabei, habe aber häufig in den Workshops festgestellt,
dass ich mit den meisten Sachen dann nichts anzufangen wusste.
Die Kunst des Unterrichtens liegt ganz allgemein in der richtigen
Diagnose des Problems, um dann die passende Information mit den
passenden Übungen parat zu haben, damit man das sofort in
die Praxis umsetzen kann.
Das bedingt natürlich einen sehr großen Erfahrungshorizont.
Ja, das lernt man nicht so einfach, indem man 2-3 Bücher
liest. Man lernt es durchs Tun. Heutzutage fahre ich meistens
einfach hin, schaue mir an, was da für Leute sind, welches
Niveau sie haben, woran sie interessiert sind und dann ergibt
sich der Rest meistens von alleine. Ich versuche den Stoff, den
ich mit einem der Schüler durchgehe, für die anderen
interessant aufzubereiten, weil jeder so seine Stärken hat,
an denen die anderen auch lernen können; dieses stelle ich
gerne heraus, was natürlich auch ein Erfolgserlebnis für
denjenigen ist, mit dem ich gerade arbeite. Das ist der sogenannte
Forums-Unterricht, quasi Einzelunterricht vor der Gruppe, wobei
alle, die in der Gruppe sind, aktiv mitmachen dürfen. Sie
dürfen zu jeder Zeit unterbrechen, Fragen stellen oder auch
mal was ausprobieren. Das funktioniert sehr gut.
Ich würde ganz gerne auf deine aktuelle Duo-CD „Alone
Together“ mit John Abercrombie zu sprechen kommen. Das ist
ein sehr ambitioniertes Werk. Es ist viel geschrieben worden darüber.
Mich interessiert vor allem die Geschichte, wie es zu der Zusammenarbeit
von euch beiden kam.
John und ich haben uns in Freiburg kennen gelernt, wo wir 1997
beide Dozenten beim „National Guitar Summer Workshop“
waren. Wir haben einen Gitarrenkurs zusammen gemacht, quasi also
den ganzen Tag zusammen gehangen und gespielt, demonstriert, unterrichtet.
Das lief sehr gut, was ja eigentlich kein Wunder ist, denn John
ist einfach ein Wahnsinns-Gitarrist, er ist unglaublich gut, hat
gute Ohren, viel Gefühl, Einfühlungsvermögen, Anpassungsfähigkeit
und Erfahrung... Ich habe gemerkt, dass ihm das auch gefiel, was
ich so mache. Wir haben uns dann über die Jahre immer mal
wieder gesehen. Manchmal bin ich zu seinen Konzerten gefahren,
wir haben Backstage ein bisschen gequatscht und immer war der
Wunsch im Raum, mal wieder etwas zusammen zu machen. Bei dem Pfingstseminar
in Koblenz hat es sich dann ergeben, dass ich ihn als zweiten
Dozenten dazu holen konnte. Dabei kam die Idee auf, ob wir nicht
gemeinsam eine Platte aufnehmen wollen, und das haben wir dann
einfach gemacht. Wir hatten einen Tag frei zwischen den Workshops
und Johns Konzertterminen in Spanien, da haben wir dann halt aufgenommen.
Verblüffend. Wenn man sich diese CD anhört, glaubt
man, dass ihr viele mehr Zeit investiert habt. Da ist ein gutes
Verständnis, viel Raum. Mit diesem Hintergrund muss man die
Platte einfach noch einmal hören um sie dann noch mehr genießen
zu können. Dein nächstes Projekt ist nun eine Soloplatte,
die du schon komplett fertig eingespielt, aber bisher noch nicht
veröffentlicht hast. Du hast den Ruf eines sehr kommunikativen
Gitarristen. Warum nun Solo?
Wahrscheinlich genau wegen dieses Rufs. Ich meine, man bekommt
ja sehr oft ein Etikett verpasst, egal ob es passt oder nicht.
Etiketten sind hilfreich für uns alle, der Markt ist unüberschaubar
und riesig. Solche Etiketten sind für manchen aber auch recht
ärgerlich, weil sie eben nur einen Teil des künstlerischen
Schaffens und der Persönlichkeit abdecken. Mir war es einfach
eine Herzensangelegenheit, irgendwann mal eine Solo-CD zu machen,
ich denke jeder Gitarrist stellt sich dem irgendwann mal, weil
die Gitarre eben eines der wenigen Instrumente ist, die man ganz
alleine spielen und trotzdem musikalisch alles abdecken kann.
Das geht den Pianisten sicher ähnlich.
Ich habe dann angefangen zu warten, bis ich genug Kompositionen
zusammen habe; habe gewartet und gewartet... und die Kompositionen
kamen nicht. Bis mir dann irgendwann klar wurde: „Mensch,
du musst das anders machen. Du musst das jetzt einfach angehen.“
Ich habe dann im Studio angerufen und mir einen Termin ein halbes
Jahr später geben lassen. Und siehe da, als ich dann ins
Studio ging, hatte ich zehn Stücke beisammen. Durch den Druck,
den ich mir selber gemacht hatte, war die Notwendigkeit entstanden,
diese Dinge anzugehen, niederzuschreiben und zu arrangieren.
Wie läuft bei dir der kompositorische Prozess ab? Du
hattest ja geschrieben, dass du alle deine Gitarren auch ins Studio
mitgenommen hast. Haben dich die verschiedenen Gitarren zu einer
bestimmten Komposition inspiriert oder war es so, dass du die
Komposition quasi im Kopf hattest und dann die richtige Gitarre
dafür genommen hast?
Beides. Es ist ja immer auch so: Eine neue Gitarre ist immer
eine Quelle der Inspiration. Man sitzt mit dem neuen Instrument
stundenlang da und sucht nach ganz bestimmten Sachen, die speziell
dieses Instrument hergibt, und was vielleicht anderen Instrumenten
fehlt. Im Zuge dieser Suche stößt man auf irgendein
Voicing, einen Rhythmus oder Melodiefetzen und schon ist die Grundlage
für ein Stück gegeben. Wenn man schlau ist, nimmt man
das dann gleich auf oder macht sich Notizen - das hilft. Aber
es gibt auch Stücke, die ich tatsächlich regelrecht
komponiert habe, meistens auf der Jazzgitarre oder auf meiner
Nylongitarre. Im Studio habe ich dann das passende Instrument
für das Stück gesucht, wobei auch oft eine andere Gitarre
zum Zuge kam.
Komponieren insgesamt ist eine sehr anstrengende Sache... und
zum Teil richtig viel Arbeit. Vieles passiert zwar von selbst
und macht Spaß, aber man muss ins Komponieren viel Energie
hineingeben.
Ja, umso schöner ist natürlich dann der Effekt,
wenn man nicht nur selber mit dem Ergebnis zufrieden ist, sondern
merkt, dass auch anderen Menschen die Komposition gefällt.
Ja, das ist eine wunderbare Erfahrung, ein selbst geschriebenes
Stück irgendwohin mitzunehmen, mit jemanden zu spielen und
dann zu hören: „Wow, Superstück, komm lass es
uns noch einmal spielen...“ das ist ein ganz besonderes
Erlebnis.
Du hast ja für den „Solo Archtop Guitar“
Sampler von Archtop-Germany ein Stück
zur Verfügung gestellt, dass auch bei dieser Aufnahmesession
eingespielt wurde.
Ja, Bluebird habe ich mit meiner GB-5 aufgenommen, es ist ein
Blues, in dem ich praktisch alle Möglichkeiten auf der Gitarre
ausschöpfe: Es gibt da ein Basssolo, ein Akkordsolo, ein
normales Solo und sogar Vierer mit Perkussion, wobei ich natürlich
auch die Perkussion auf der Gitarre mache.
Wie geht es weiter mit deinen Plänen? Was hast du als
nächstes vor?
Man weiß nie, was die Zukunft bringt, aber Pläne gibt
es genug. Ich will auf jeden Fall weiter komponieren, durch die
Arbeit an der Solo-CD habe ich wieder viel Spaß daran gefunden.
Demnächst wird es natürlich auch Solokonzerte geben.
Die werden mir aber bestimmt schnell einsam werden :-) . Daher
würde ich auch sehr gerne wieder mit einer Band spielen,
mit Schlagzeug, Bass und einem weiteren Instrument. Kommunikation
ist für mich auch ein Schlüsselwort, zumal ich ja im
Sternzeichen Zwillinge geboren bin. Auf jeden Fall steht an, mit
Norbert Gottschalk, meinem festen Duo-Partner, mit dem ich schon
über 10 Jahre zusammenarbeite, unsere vierte Duo-CD aufzunehmen.
Es haben sich mittlerweile wieder so viele Stücke angesammelt,
die wir live spielen, die aber auf Platte noch nicht erhältlich
sind.
Vielleicht schreibe ich auch mein Harmonielehrebuch von Grund
auf neu. Ich würde gerne vieles ergänzen, einiges kürzen
und das Ganze noch verständlicher machen. Ich habe mittlerweile
eben sehr viel mehr Unterrichtserfahrung. In den 19 Jahren seit
Erscheinen des ersten Bandes ist eine Menge passiert. Die Veränderungen
würden sich aber vermutlich in erster Linie auf den zweiten
Band beziehen. Aber eigentlich hatte ich 1996 mit dem Schreiben
von Büchern aufgehört und mir vorgenommen nur noch zu
spielen, Konzerte zu geben und CDs aufzunehmen. Man muss sich
eben auch aus dem Spektrum an Möglichkeiten das herausnehmen,
was auf der einen Seite ernährt und auf der anderen Seite
Spaß macht. Alles geht eben nicht.
Möchtest du gerne etwas loswerden, was dir wichtig ist?
Das Leben ist schön, weisst du? Das ist, so finde ich, immer
noch das Wichtigste. Musik bereichert das Leben. Meines auf jeden
Fall und ich kenne viele Menschen, denen das ähnlich geht
und die sich deswegen mit Musik beschäftigen und die Musik
ins Zentrum ihres Lebens stellen. Das sind für mich Brüder
und Schwestern im Geiste. Die möchte ich an dieser Stelle
gerne grüßen!
"Delikatess-Duo" - Interview in der Zeitschrift "Akustik
Gitarre", Michael Lohr, Januar/Februar 2002
Zwei studierte
Musiker: ein Jazz-Pop-Folk-Duo von sagenhafter Eleganz, zauberhafter
Leichtigkeit, sicherem Geschmack, verblüffender Raffinesse.
Nach Fertigstellung ihrer zweiten CD ,,Bridges" entstand
dieses Gespräch mit Frank Haunschild und Norbert Gottschalk
an einem entspannten Samstagnachmittag bei Haunschild zu Hause
im Siebengebirge.
Womit
hat denn für euch die Musik begonnen?
Haunschild: Mit klassischem Gitarrenunterricht - so etwa,
bis ich fünfzehn war. Den habe ich eigentlich nur so nebenbei
gemacht. Aber dann, irgendwie, hat es mal Klick gemacht.
Wodurch?
Haunschild: Ich habe A-MoIl entdeckt. Diesen
Lagerfeuer-Akkord mit offenen Saiten. Und dann habe ich den immer
im Badezimmer geschrammelt, weil es da so schön hallte und
ich mich im Spiegel beobachten konnte. A-Moll im Badezimmer -
ein Schlüsselerlebnis! Dann kamen immer mehr Akkorde dazu,
Texte, Songs, eine Folk-Band... Das war mit achtzehn. Schließlich
habe ich durch ,,The Girl From Ipanema" und Bossa Nova überhaupt
zum Jazz gefunden.
Und
ihn dann gleich studiert?
Haunschild: Sobald die erste Jazz-Abteilung einer deutschen
Musikhochschule eröffnet war - Köln 1981; vorher gab
es dort nur den ,,JazzWorkshop". 40 Studenten haben mit mir
angefangen. Ich kenne heute noch jeden und freue mich immer wieder,
jemanden davon zu sehen, z.B. im Fernsehen. Man sieht sie überall;
alle haben es geschafft.
Und
davor?
Haunschild: Da war ich freiberuflich Musiker, Lehrer an
Musikschulen - ohne jede Ausbildung - damals ging das noch. Dann
Zivildienst.
Und
nach deinem Abschluss?
Haunschild: Ich habe, seit ich mit 18 zu Hause ausgezogen
bin, ausschließlich von der Musik gelebt: Unterrichten,
spielen, komponieren, Bücher schreiben. Ich schreibe Kolumnen,
teste Gitarren und Verstärker, gebe Workshops usw. - ein
sehr vielfältiger Beruf, auch schwierig, weil man sich gerne
auf etwas konzentrieren würde. Aber man muss alles machen,
um insgesamt davon leben zu können.
Und
bei dir, Norbert?
Gottschalk: Ich habe im Kindergarten schon musiziert, Blockflöte
usw. Und dann wollte ich irgendwann mal eine Gitarre und bekam
ein Plastikding mit nur noch einer Saite drauf. Aber auf der habe
ich rumgeritten, "Dead End Street" von den Kinks gespielt
und unter Verlust eines Schuljahres geübt, bis ich besser
war als meine Freunde - und immer dazu gesungen, ganz automatisch,
nicht dass man auf AI Jarreau macht, sondern einfach die Stimme
einbringt. Mit 16 habe ich dann Beatles-Sachen probiert, das war
schon mal Klasse: mehrstimmiger Gesang, Übergänge, die
ich fleißig rausgehört und gesungen habe. Dann hab
ich mal in einer Band gespielt, auch E-Bass, und war irgendwann
infiziert vom Jazz - witziger-weise durch Zigeuner-Jazz, bei dem
mich dann schnell diese monotone Rhythmusgitarre nervte. Man sucht
also Anderes, informiert sich, hört den Namen Wes Montgomery
- und plötzlich wird da eine Tur aufgetreten. Und dann entdeckt
man Akustisches wie Charlie Byrds Bossas - und schon ist man bei
Jobim und hat eine Welt aufgetan. Da ist mit Wanderakkorden nichts
mehr zu machen....
Und
ab 18 hast du auch nur noch von der Musik gelebt?
Gottschalk: Ausschließlich. Ich hab zwar
zwischendurch einen Ingenieurstudiengang belegt, weil meine Eltern
meinten, ich sollte was Anständiges machen.... Aber gelebt
habe ich von Musik, in allen möglichen Formationen, auch
im Kabarett. Jetzt mache ich ausschließlich die Musik, die
mir Spaß macht. Aber in diesen Musikjobs kann man sein Handwerkszeug
entwickeln - und das ist auch gut.
Und
das Geld?
Haunschild: Streckenweise war es hart.
Gottschalk:
Jeder ist irgendwo käuflich. Aber es gibt Grenzen, jenseits
derer man das weder körperlich noch seelisch durchhält.
Dann spiele ich lieber für weniger Geld vor einem Publikum,
das wegen uns kommt und wegen der Sachen, die wir wirklich gerne
und gut machen, anstatt für viel Geld ,,Gildo hat euch lieb"
zu singen. Man muss sich fragen: Kann und, will ich das machen
- sogar längerfristig?
Haunschild:
Ich will das gar nicht verteufeln. Es gibt auch Leute, die das
wegstecken können. Ich kann das nicht - eine mir gleichgültige
Musik machen, bloß um meine Miete zu bezahlen - was ja ein
sehr legitimer Grund wäre... Ich kann nur die Musik machen,
an die ich glaube und die ich gerne und gut mache - und so möchte
ich es auch halten.
Immerhin
bist du ja auch noch Buchautor.
Haunschild: Die Bücher - ja, die spielen eine große
Rolle dabei. Das erste Mal habe ich eine Arbeit tun können
(und das war sehr viel Arbeit) und habe nach getaner Arbeit (das
Buch erscheint und verkauft sich immer weiter) jedes halbe Jahr
einen Tantiemenscheck bekommen. Fünf Jahre habe ich Bücher
geschrieben, aber als ich Norbert kennen gelernt habe, beschlossen
damit aufzuhören. Ich hätte das ewig weitermachen können,
wollte aber wieder zurück auf die Bühne, weil mir unheimlich
was fehlte: der direkte Kontakt zur Musik, zu Kollegen, zum Publikum.
Und
wie kam es zum Duo?
Haunschild: Wir haben ja witzigerweise zusammen
studiert; Norbert fiel mir auf als der einzige Sänger, der
damals wirklich Bebop-Linien scatten konnte. Aber wir hatten kaum
etwas miteinander zu tun. Zusammen kamen wir, als wir beide Dozenten
waren in Köln. Wir haben als Kollegen auf Sitzungen gemerkt,
dass wir oft ähnlich denken. Dann haben wir ein Sextett gegründet
- und feststellen müssen, dass der Markt dafür keine
Chance bietet. Aber dabei sind wir uns nahe gekommen und haben
1995 dieses Duo gegründet. Seitdem arbeiten wir kontinuierlich
an unserem Programm.
Inwiefern
schlägt sich dies nun auf eurer neuen CD nieder?
Haunschild: Wir haben natürlich sehr viele Konzerte
gespielt. Und dadurch haben sich neue Sachen ergeben - hauptsächlich,
dass Norbert viel mehr Gitarre spielt als früher, wo es hieß:
Gitarre: Frank, Gesang: Norbert. Inzwischen suchen wir mehr die
verschiedenen Sounds, die zu zweit zu machen sind, und schon hat
man sehr viel mehr Flexibilität. Zum Beispiel kann ich jetzt
ein begleitetes Solo spielen. Andererseits beziehen wir immer
mehr die akustische Gitarre ein. Wir besitzen beide sehr schöne
akustische Gitarren....
....welche?
Haunschild: Jeder hat eine Taylor, ich noch eine
Maton. Dadurch ergeben sich auch wieder neue Kombinationen aus
E-Gitarre, Akustischer, Nylon- oder Stahlsaiten....
Hat sich auch stilistisch etwas getan?
Haunschild: Wir wollten ja schon auf der ersten Platte
die Jazz-Elemente verbinden mit Pop- und Folk-Sachen - was nicht
so einfach ist: unterschiedliche Spielweisen, unterschiedliche
Gitarren, typische Sounds. Und diese Grenzen zwischen den Stilistiken
wollten wir noch durchlässiger machen. Einfacher ist es eher,
einen Stil in Reinkultur - straight-ahead Jazz, Folk, Boss Nova
usw. - zu spielen, denn man bewegt sich in sicheren Grenzen: Man
hat bestimmte Klischees, einen bestimmten Sound, eine Gitarre,
die dazu passt. Sehr viel schwieriger wird es, wenn man versucht,
diese Grenzen ein bißchen auf zu stoßen, auch in den
Köpfen der Zuhörer.
Aber
im Prinzip war das doch live schon angetestet....
Haunschild: Zum Teil schon. Wir haben uns aber auch Dinge
überlegt, im Studio aufgenommen und mussten das live auch
genauso rüberbringen. Das ist spannend. Oder umgekehrt: Sachen,
die sich live ergeben, nehmen wir auf.
Gottschalk:
Wir haben überhaupt wieder versucht, den Live-Charakter beizubehalten.
Viele Sachen sind "first takes".
Haunschild:
Und einiges hatten wir noch nie gemacht. Es wäre ja auch
langweilig, immer in derselben Machart neue Stücke zu präsentieren.
Wir suchen zumindest immer nach Neuem.
Hat
die inflationäre Ausbreitung der Tuck & Patti-Besetzung,
die euch auch inspiriert hat, hervorgehoben hat, solche Weiterentwicklungen
an gestoßen?
Gottschalk: Ich muss sagen, das Ur-Duo sind für mich
nicht Tuck & Patti, sondern definitiv Ella Fitzgerald &
Joe Pass. Die haben für mich gezeigt, wo der Hammer hängt.
Und Mundell Lowe und Sarah Vaughan. Lowe spielt immer noch....
Überhaupt diese reduzierte Form: nur Gitarre und Gesang....
Sechs Saiten, mit vier (mit Daumen fünf) Fingern. Da muss
man aussuchen, was wirklich wichtig ist, in welchen Tonarten man
spielt, wo mal leere Saiten sind usw. Wir versuchen schon, besonders
Frank, alles Mögliche zu nutzen, was eine Gitarre bietet.
Bei "I Wish You Love" haben wir durchlaufenden Jazz-Bass,
woanders eher Folkartiges - Jazz wird es dadurch, dass Frank durch
die Tonarten improvisiert wie kaum jemand anders, so leicht, dass
gar nicht auffällt, wie schwer das Stück ist....
Haunschild:
So sollte es auch sein - angestrengt wirkende Musik ist nicht
das Ziel.
Gottschalk:
Auf einem Workshop wollte neulich eine Studentin ein tolles Stück
machen. Ihre Altistin hat ihr dann gesagt: Mit diesem schweren
Stück wirst du dich die nächsten zehn Jahre beschäftigen
müssen. Und es stimmte. Man kann das nicht im Vorbeigehen
machen, weil die Stücke eine Stimmung haben, eine gewisse
Aussage, eine passende Tonart....Man muss sich reinfinden.
Haunschild:
Beim Hören einer Probenaufnahme merkt man ganz schnell auch
körperlich, ob sich einem bei der Musik das Gefieder sträubt.
Aber erst dann, wenn man in ein Stück hineinschlüpft
wie in einen ausgetretenen Schuh, spürt man: Das ist es!
Wir haben den Ehrgeiz, nur Sachen von dieser Quatität aufzunehmen.
Was
macht ihr denn konkret, wenn euch beim Abhören einer Probenaufnahme
irgendetwas stört?
Haunschild: Wir haben als Lehrer ein analytisches Gehör
entwickelt - auch uns selbst gegenüber. Nach der Aufnahme
überlegt man. Es gibt ca. 50-100 musikalische Parameter.
Ein paar greift man gezielt auf und ändert etwas das Tempo,
die Tonart. Einen Halbton hoch, und du bist auf einem anderen
Planeten!
Und
das probiert ihr aus?
Haunschild: Es gibt kaum etwas, was wir nicht
probieren, bis wir das Gefühl haben: Das Stück sitzt
und passt zu uns. Dann kann man hinein-fließen. Man schließt
live die Augen, spielt und singt und wacht erst wieder auf, wenn
die Leute klatschen.
Gottschalk:
Eben hatten wir doch diese Bemerkung über die Flut der Gitarre/Gesang-Duos.
Wir kennen das, wir machen viele Workshops und kriegen Sachen
zugeschickt nach dem Motto: Hört doch mal rein, wie findet
ihr das? Und es sind immer wieder Leute, die individuell nicht
schlecht sind; Gesang und Gitarrenpart sind für sich okay.
Aber es ist nicht zusammen. Und solche Feinheiten entscheiden
darüber, ob das gut oder schlecht ist. Und das ist das, was
Tuck & Patti allen voraus haben: Sie sind ein Ehepaar. Die
teilen ihr Leben und alles, was dazugehört. Und die hören
auch gemeinsam Musik und sagen: Oh, das ist ein tolles Stück,
das würden wir gerne machen!
Haunschlld:
Und viele junge Duos stellen ihr Repertoire nicht sorgfältig
genug zusammen. Sie verfolgen die Stücke nicht zurück
bis zu den Originalaufnahmen. Sie übernehmen etwas, weil
es angesagt ist bzw. jemand Angesagtes es spielt - und überlegen
nicht, wie die anderen dazu kamen, das Stück auf ihre Weise
zu machen.
Gottschalk:
Und viele junge Leute spielen einen Song und merken gar nicht,
worum es im Text geht. Wenn jemand auf der Bühne "Love
For Sale" singt und dabei fröhlich ins Publikum lacht,
merke ich, dass das Thema (Prostitution) gar nicht erfasst wurde
- es klingt dann weder verrucht noch nach hartem Leben. Es gibt
Musik, die wirkt allein durch ihre Töne - aber oft muss man
einfach wissen, was im Text drinsteckt. Und Stücke mit ganz
bescheuerten Texten machen wir nicht.
Zum
Beispiel?
Gottschalk: ,Naima" - der Text von Jon Hendricks für
bzw. über John Coltranes Frau als gute Mutter und Ehefrau,
nach dem Motto: Tags macht sie den Abwasch, bringt die Kinder
ins Bett, und abends darf sie dann ganz lieb zu ihm sein.... Ich
kann so was nicht mehr singen, ich würde mich kaputtlachen!
Haunschild:
dabei ist es ein wunderschönes Stück....
Gottschalk:
Ja. Aber viele Leute machen sich über so etwas kaum Gedanken.
Und wie Frank sagte:
Variation einer Variation und nicht den Urzustand....
Haunschild:
Auf dieser Basis kann man dann eigentlich gar keine eigene Interpretation
abliefern. Deshalb fehlen oft Kraft und Tiefe. Das Titelstück
unserer neuen Platte ist im Original in den 60er Jahren erschienen.
Wir haben uns davon sechs verschiedene Versionen angehört
und uns so klarmachen können, welche Elemente es eigentlich
enthält. Und dann haben wir eine eigene Fassung entwickelt,
Elemente beibehalten und doch dem Stück eine eigene Note
geben können.
Das
klingt nach viel Arbeit - und wenig Inspiration....
Gottschalk: Es ist eher eine Sache von Bausteinen: man
feilt an einem, bis er haargenau zwischen die anderen passt.
Haunschild:
Das Solo, das ich bei ,,Bridges" spiele, wurde komplett
im Studio improvisiert, ungeplant. Ich wusste nur, ich starte
irgendwo, und ich komme auch irgendwo wieder an. Ich habe sofort
den Einstieg gefunden, und es hat gepasst. Es war ein first take.
Also, es ist schon viel Inspiration dabei. Aber bis man die Inspiration
hat, und damit auch irgendwo landet - das ist schon viel Arbeit.
Gottschalk:
Man kann Stunden und Wochen und Monate proben, und es kommt überhaupt
nichts dabei raus. Und natürlich wissen wir viel, haben viel
gehört. Und dann weiß man was ganz Tolles, will es
machen - und es ist dann doch nicht gut! Es bringt nix, alles
zu haben - es muss konkret zusammenpassen. Es geht eigentlich
um kleine Sachen. Reduktion ist überhaupt das grosse Wort....
und dann hat man "space" das große Stichwort von
Miles Davis: Freiraum. Ich gebe mir Zeit und Raum. Und dann geh
ich mal ein Stückchen vor und sehe: Aha, da ist es gut, da
steh ich sicher. Und damit liegen wir immer ganz gut.
Haunschild:
Man muss sich Zeit lassen. Diese Dinge müssen reifen. Wir
haben die erste Platte 1997 gemacht. Und als die fertig war, wussten
wir schon: Wir machen eine zweite. Trotzdem hat es damit bis 2001
gedauert. Das Jahr hat 365 Tage, und viele davon ist man schwer
beschäftigt oder macht Urlaub oder etwas mit der Familie.
Wichtig ist, dass man die Geduld hat, aber auch die Beharrlichkeit.
Wir haben die zweite Platte aufgenommen und wissen schon: Es wird
eine dritte geben. Wir haben Dinge probiert, die nicht so geklappt
haben, aber wollen diese Stücke weiter verfolgen.
Gottschalk:
Indem wir sie live spielen.
Haunschild:
Und sie dann irgendwann auch aufnehmen können. Man findet
einen kleinen Dreh, und ein Stück fühlt sich auf einmal
ganz anders an. Wir haben über 100 Stücke ernsthaft
zusammen erarbeitet, mit wirklich viel Arbeit. Übrig bleiben
am Ende vielleicht 30. Aber das macht uns nichts. Das Repertoire
wächst - langsam, aber immerhin. Das ließe sich auch
nicht wesentlich beschleunigen, wenn man dafür 365 Tage im
Jahr hätte, denn die Dinge müssen sich eben auch setzen.
Vielen
Dank für das Gespräch.
Michael Lohr in "Akustik Gitarre"
Januar/Februar 2002
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