Frank Haunschild

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Presse 3- Interviews
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"Duo-Spezialist"-Interview in der Zeitung Akustik-Gitarre, Andreas Schulz, Mai/Juni 2005

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Interview von Andreas Polte von Archtop Germany mit Frank Haunschild am 26.02.2006

Hallo Frank, erzähl uns doch bitte ein wenig über deine Archtop-Gitarren.

Mein Hauptinstrument ist eine Ibanez GB5, mit der ich so gut wie alles spielen kann, deshalb ist sie auch auf vielen Aufnahmen von mir zu hören. Daneben habe ich eine Ibanez JS 100, die unter anderem auch von John Abercrombie auf „Alone Together” gespielt wurde, eine Gibson Pat Martino, die noch auf ihren Einsatz in einer größeren Besetzung wartet und eine Doderer Bariton Elektrik. Die Gitarren kann man auf meiner Homepage auch alle sehen.

Was ist das besondere an der Doderer Bariton, in welchem Zusammenhang benutzt du sie? Hauptsächlich in der Begleitung?

Diese Gitarre hat zunächst einmal eine längere, 72er Mensur. Ich stimme die Gitarre eine große Terz tiefer als normal, also auf C statt auf E. Das erschließt eine etwas andere Welt. Die Gitarre ist nicht ganz so leicht zu spielen, weil viele Akkorde, die auf einer normalen Gitarre im tiefen Bereich noch schön klingen, auf dieser Gitarre schon „matschen“, also muss man sein Spiel umstellen, und andere Voicings nehmen. Wenn ich beispielsweise einen Basston auf der tiefen E-Saite habe, darf ich nichts auf der A-Saite spielen, am besten auch auf der D-Saite nichts, dann klingt das richtig schön. Man kann also nicht alles, was man auf einer normalen Gitarre spielt, einfach 1:1 übertragen, das funktioniert nicht immer. Diese Gitarre spiele ich gerne wenn ich begleite, oder auch Solo spiele.

An Verstärkern spiele ich zwei AER Acousticube 3 oder neuerdings auch zwei Schertler Unico als Alternative zu den AERs.

Wie würdest du den Unterschied zwischen diesen Amps charakterisieren?

Ich finde beide Amps sehr interessant. Der Unterschied ist marginal, was die Qualität des Klanges angeht. Es gibt aber fundamentale Unterschiede in den Details. Der AER hat auf jeden Fall seine Stärken, was den „Schönklang“ angeht, er klingt HiFi-mäßig, wie von einer CD gehört. Das macht er ganz klasse und unübertroffen. Dann hat er auch einen sehr schönen qualitativ hochwertigen Digitalhall, den der Schertler nicht hat. Er hat halt einen Federhall, allerdings den besten, den ich je gehört habe. Deshalb benutze ich den Unico nur, wenn ich auch einen schönen Digitalhall dabei habe. Ansonsten fehlt mir die Dichte des digitalen Hallraumes etwas. Die Vorteile des Schertler liegen in der Basswiedergabe, das Ganze klingt sehr viel dicker und fetter und hat auch mehr Wumm... Interessanterweise hat der Unico auch Vorteile bei der Wiedergabe von Nylonsaiten, wohingegen der AER diese ganz klar bei Stahlsaiten hat. Bei E-Gitarren finde ich sie etwa gleich gut. Bei meinen Baritongitarren nehme ich lieber den Unico, weil er eben das bessere Basswiedergabe-Verhalten hat. Bei hohen Lautstärken würde ich auch eher den Unico nehmen, bei kleineren Räumen eher den AER. Insgesamt bin ich mit beiden Amps sehr zufrieden.

Welche Saiten spielst du am liebsten auf deinen Archtops?

Meine bevorzugten Saiten sind Pyramid. Ich war an der Entwicklung beteiligt, daher liegen sie mir natürlich besonders.

In welcher Form warst du da beteiligt, waren das Anregungen aus deinem Erfahrungsschatz? Bei AER hast du dich doch auch einbringen können, so viel ich weiß?

Da muss ich jetzt ein bisschen weiter ausholen: Man hat ja immer das Problem als Musiker, dass man gute Instrumente und gutes Equipment braucht. Der Handel gibt ja auch einiges her. Man gibt viel Geld aus und probiert viel aus, sammelt so seine Erfahrungen. Aber bis man auf die Produkte stößt, die wirklich zufrieden stellen, kann das sehr lange dauern und viel Geld kosten. Deswegen bin ich relativ schnell dazu übergegangen, Kontakt zu den Herstellern selbst aufzunehmen. Anfangs waren es eher Fragen, die ich hatte, ich habe aber gemerkt, dass die Hersteller schnell hellhörig wurden. Sie sind ja auch interessiert an Feedback von Musikern, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Daraus wurde dann auch häufig eine Art von Zusammenarbeit.

Ich bin eigentlich immer auf der Suche nach dem Supersound, guter Bespielbarkeit und guter praktischer Umsetzung, alles soll möglichst nicht so groß und schwer sein; auch nicht zu teuer usw. Einige meiner Fragen oder Anregungen wurde dann auch von verschiedenen Herstellern umgesetzt. Bei AER waren das ein paar Bedienungssachen, vor allem den Acousticube betreffend. Ich habe alle diese Modelle gespielt und bei jeder Modellentwicklung sind auch Anregungen von mir mit eingeflossen. Andererseits haben sie natürlich sehr viele Musiker, die mit Anregungen kommen. Es ist durchaus möglich, dass eben auch mehrere Musiker mit den gleichen Anregungen kamen, das will ich mir gar nicht selbst auf die Fahne schreiben.

Ich bin ja nun auch Tester für „Gitarre & Bass“. Wenn man mal anhand von älteren Ausgaben so sieht, was an einem Produkt bemängelt wurde, war das in der nächsten Modellgeneration meistens behoben. Dazu sind Tester ja auch unter anderem da. Nicht nur als Informant für die Verbraucher sondern eben auch als Anreger für die Hersteller.

Mit der Firma Pyramid ist das dann so weit gegangen, dass ich eine ganze Serie von Saiten entwickelt habe. Das hat zwei Jahre gedauert. Man hat mir immer wieder Probesätze zugeschickt, ich habe sie mit Anregungen wieder zurückgeschickt. Das sind die Pyramid Jazz Saiten, die es in der Stärke .010, .011 und .012 gibt. Es ging von Materialzusammensetzung bis hin zu Saitenstärken und Schliff. Und war ziemlich viel Arbeit, aber es ist ein Saitensatz dabei herausgekommen, den ich sehr klasse finde und der auch noch der preisgünstigste auf dem deutschen Markt ist. Ich benutze auf allen E-Gitarren den 11er Satz.

Ich würde natürlich gerne auch auf den „Lehrer“ Frank Haunschild zu sprechen kommen. Letztlich wurdest du in einem Interview als der „Jazz-Gitarrenlehrer der Nation“ bezeichnet. Das fand ich eigentlich gar nicht so falsch.

Ich meine, das ist nicht so ganz zutreffend, es hat natürlich auch vor mir schon Leute gegeben, die das gemacht haben. Mein Lehrer an der Hochschule in Köln war z.B. Axel Jungbluth. Er war eigentlich der Erste, der mit einer Jazz-Harmonielehre kam, nur brauchte man für seine Harmonielehre quasi schon eine Musikausbildung oder eine eigene Bedienungsanleitung. Sie setzte halt viel voraus. Auf den ersten 17 Seiten kommt man schon schwer ans Nachdenken. Ich habe dann halt ein Buch geschrieben, das schön langsam Schritt für Schritt auch zum Selbststudium geeignet ist.

Man könnte aber schon sagen, dass du derjenige bist, der das Thema populärer und leichter verständlich gemacht hat. Ich empfehle speziell den ersten Band auch immer meinen Schülern.

Ja, aber mittlerweile gibt es bestimmt schon 20 Autoren, die bei renommierten Verlagen ihre Harmonielehrebücher herausgebracht haben. Damals war ich wohl der erste, der das in leicht verständlichen Worten formuliert hat.

Du bist ja auch europaweit ein renommierter Workshop-Lehrer. Gehst du da nach einem Konzept vor, oder lässt du dich eher auf das ein, was du vorfindest?

Früher habe ich mir vor jedem Workshop viele Gedanken gemacht. Ich hatte einen ganzen Koffer voller Material und vorbereiteter Sachen dabei, habe aber häufig in den Workshops festgestellt, dass ich mit den meisten Sachen dann nichts anzufangen wusste. Die Kunst des Unterrichtens liegt ganz allgemein in der richtigen Diagnose des Problems, um dann die passende Information mit den passenden Übungen parat zu haben, damit man das sofort in die Praxis umsetzen kann.

Das bedingt natürlich einen sehr großen Erfahrungshorizont.

Ja, das lernt man nicht so einfach, indem man 2-3 Bücher liest. Man lernt es durchs Tun. Heutzutage fahre ich meistens einfach hin, schaue mir an, was da für Leute sind, welches Niveau sie haben, woran sie interessiert sind und dann ergibt sich der Rest meistens von alleine. Ich versuche den Stoff, den ich mit einem der Schüler durchgehe, für die anderen interessant aufzubereiten, weil jeder so seine Stärken hat, an denen die anderen auch lernen können; dieses stelle ich gerne heraus, was natürlich auch ein Erfolgserlebnis für denjenigen ist, mit dem ich gerade arbeite. Das ist der sogenannte Forums-Unterricht, quasi Einzelunterricht vor der Gruppe, wobei alle, die in der Gruppe sind, aktiv mitmachen dürfen. Sie dürfen zu jeder Zeit unterbrechen, Fragen stellen oder auch mal was ausprobieren. Das funktioniert sehr gut.

Ich würde ganz gerne auf deine aktuelle Duo-CD „Alone Together“ mit John Abercrombie zu sprechen kommen. Das ist ein sehr ambitioniertes Werk. Es ist viel geschrieben worden darüber. Mich interessiert vor allem die Geschichte, wie es zu der Zusammenarbeit von euch beiden kam.

John und ich haben uns in Freiburg kennen gelernt, wo wir 1997 beide Dozenten beim „National Guitar Summer Workshop“ waren. Wir haben einen Gitarrenkurs zusammen gemacht, quasi also den ganzen Tag zusammen gehangen und gespielt, demonstriert, unterrichtet. Das lief sehr gut, was ja eigentlich kein Wunder ist, denn John ist einfach ein Wahnsinns-Gitarrist, er ist unglaublich gut, hat gute Ohren, viel Gefühl, Einfühlungsvermögen, Anpassungsfähigkeit und Erfahrung... Ich habe gemerkt, dass ihm das auch gefiel, was ich so mache. Wir haben uns dann über die Jahre immer mal wieder gesehen. Manchmal bin ich zu seinen Konzerten gefahren, wir haben Backstage ein bisschen gequatscht und immer war der Wunsch im Raum, mal wieder etwas zusammen zu machen. Bei dem Pfingstseminar in Koblenz hat es sich dann ergeben, dass ich ihn als zweiten Dozenten dazu holen konnte. Dabei kam die Idee auf, ob wir nicht gemeinsam eine Platte aufnehmen wollen, und das haben wir dann einfach gemacht. Wir hatten einen Tag frei zwischen den Workshops und Johns Konzertterminen in Spanien, da haben wir dann halt aufgenommen.

Verblüffend. Wenn man sich diese CD anhört, glaubt man, dass ihr viele mehr Zeit investiert habt. Da ist ein gutes Verständnis, viel Raum. Mit diesem Hintergrund muss man die Platte einfach noch einmal hören um sie dann noch mehr genießen zu können. Dein nächstes Projekt ist nun eine Soloplatte, die du schon komplett fertig eingespielt, aber bisher noch nicht veröffentlicht hast. Du hast den Ruf eines sehr kommunikativen Gitarristen. Warum nun Solo?

Wahrscheinlich genau wegen dieses Rufs. Ich meine, man bekommt ja sehr oft ein Etikett verpasst, egal ob es passt oder nicht. Etiketten sind hilfreich für uns alle, der Markt ist unüberschaubar und riesig. Solche Etiketten sind für manchen aber auch recht ärgerlich, weil sie eben nur einen Teil des künstlerischen Schaffens und der Persönlichkeit abdecken. Mir war es einfach eine Herzensangelegenheit, irgendwann mal eine Solo-CD zu machen, ich denke jeder Gitarrist stellt sich dem irgendwann mal, weil die Gitarre eben eines der wenigen Instrumente ist, die man ganz alleine spielen und trotzdem musikalisch alles abdecken kann. Das geht den Pianisten sicher ähnlich.

Ich habe dann angefangen zu warten, bis ich genug Kompositionen zusammen habe; habe gewartet und gewartet... und die Kompositionen kamen nicht. Bis mir dann irgendwann klar wurde: „Mensch, du musst das anders machen. Du musst das jetzt einfach angehen.“ Ich habe dann im Studio angerufen und mir einen Termin ein halbes Jahr später geben lassen. Und siehe da, als ich dann ins Studio ging, hatte ich zehn Stücke beisammen. Durch den Druck, den ich mir selber gemacht hatte, war die Notwendigkeit entstanden, diese Dinge anzugehen, niederzuschreiben und zu arrangieren.

Wie läuft bei dir der kompositorische Prozess ab? Du hattest ja geschrieben, dass du alle deine Gitarren auch ins Studio mitgenommen hast. Haben dich die verschiedenen Gitarren zu einer bestimmten Komposition inspiriert oder war es so, dass du die Komposition quasi im Kopf hattest und dann die richtige Gitarre dafür genommen hast?

Beides. Es ist ja immer auch so: Eine neue Gitarre ist immer eine Quelle der Inspiration. Man sitzt mit dem neuen Instrument stundenlang da und sucht nach ganz bestimmten Sachen, die speziell dieses Instrument hergibt, und was vielleicht anderen Instrumenten fehlt. Im Zuge dieser Suche stößt man auf irgendein Voicing, einen Rhythmus oder Melodiefetzen und schon ist die Grundlage für ein Stück gegeben. Wenn man schlau ist, nimmt man das dann gleich auf oder macht sich Notizen - das hilft. Aber es gibt auch Stücke, die ich tatsächlich regelrecht komponiert habe, meistens auf der Jazzgitarre oder auf meiner Nylongitarre. Im Studio habe ich dann das passende Instrument für das Stück gesucht, wobei auch oft eine andere Gitarre zum Zuge kam.

Komponieren insgesamt ist eine sehr anstrengende Sache... und zum Teil richtig viel Arbeit. Vieles passiert zwar von selbst und macht Spaß, aber man muss ins Komponieren viel Energie hineingeben.

Ja, umso schöner ist natürlich dann der Effekt, wenn man nicht nur selber mit dem Ergebnis zufrieden ist, sondern merkt, dass auch anderen Menschen die Komposition gefällt.

Ja, das ist eine wunderbare Erfahrung, ein selbst geschriebenes Stück irgendwohin mitzunehmen, mit jemanden zu spielen und dann zu hören: „Wow, Superstück, komm lass es uns noch einmal spielen...“ das ist ein ganz besonderes Erlebnis.

Du hast ja für den „Solo Archtop Guitar“ Sampler von Archtop-Germany ein Stück
zur Verfügung gestellt, dass auch bei dieser Aufnahmesession eingespielt wurde.

Ja, Bluebird habe ich mit meiner GB-5 aufgenommen, es ist ein Blues, in dem ich praktisch alle Möglichkeiten auf der Gitarre ausschöpfe: Es gibt da ein Basssolo, ein Akkordsolo, ein normales Solo und sogar Vierer mit Perkussion, wobei ich natürlich auch die Perkussion auf der Gitarre mache.

Wie geht es weiter mit deinen Plänen? Was hast du als nächstes vor?

Man weiß nie, was die Zukunft bringt, aber Pläne gibt es genug. Ich will auf jeden Fall weiter komponieren, durch die Arbeit an der Solo-CD habe ich wieder viel Spaß daran gefunden. Demnächst wird es natürlich auch Solokonzerte geben. Die werden mir aber bestimmt schnell einsam werden :-) . Daher würde ich auch sehr gerne wieder mit einer Band spielen, mit Schlagzeug, Bass und einem weiteren Instrument. Kommunikation ist für mich auch ein Schlüsselwort, zumal ich ja im Sternzeichen Zwillinge geboren bin. Auf jeden Fall steht an, mit Norbert Gottschalk, meinem festen Duo-Partner, mit dem ich schon über 10 Jahre zusammenarbeite, unsere vierte Duo-CD aufzunehmen. Es haben sich mittlerweile wieder so viele Stücke angesammelt, die wir live spielen, die aber auf Platte noch nicht erhältlich sind.

Vielleicht schreibe ich auch mein Harmonielehrebuch von Grund auf neu. Ich würde gerne vieles ergänzen, einiges kürzen und das Ganze noch verständlicher machen. Ich habe mittlerweile eben sehr viel mehr Unterrichtserfahrung. In den 19 Jahren seit Erscheinen des ersten Bandes ist eine Menge passiert. Die Veränderungen würden sich aber vermutlich in erster Linie auf den zweiten Band beziehen. Aber eigentlich hatte ich 1996 mit dem Schreiben von Büchern aufgehört und mir vorgenommen nur noch zu spielen, Konzerte zu geben und CDs aufzunehmen. Man muss sich eben auch aus dem Spektrum an Möglichkeiten das herausnehmen, was auf der einen Seite ernährt und auf der anderen Seite Spaß macht. Alles geht eben nicht.

Möchtest du gerne etwas loswerden, was dir wichtig ist?

Das Leben ist schön, weisst du? Das ist, so finde ich, immer noch das Wichtigste. Musik bereichert das Leben. Meines auf jeden Fall und ich kenne viele Menschen, denen das ähnlich geht und die sich deswegen mit Musik beschäftigen und die Musik ins Zentrum ihres Lebens stellen. Das sind für mich Brüder und Schwestern im Geiste. Die möchte ich an dieser Stelle gerne grüßen!


 


"Delikatess-Duo" - Interview in der Zeitschrift "Akustik Gitarre", Michael Lohr, Januar/Februar 2002

Zwei studierte Musiker: ein Jazz-Pop-Folk-Duo von sagenhafter Eleganz, zauberhafter Leichtigkeit, sicherem Geschmack, verblüffender Raffinesse. Nach Fertigstellung ihrer zweiten CD ,,Bridges" entstand dieses Gespräch mit Frank Haunschild und Norbert Gottschalk an einem entspannten Samstagnachmittag bei Haunschild zu Hause im Siebengebirge.

Womit hat denn für euch die Musik begonnen?
Haunschild: Mit klassischem Gitarrenunterricht - so etwa, bis ich fünfzehn war. Den habe ich eigentlich nur so nebenbei gemacht. Aber dann, irgendwie, hat es mal Klick gemacht.

Wodurch?
Haunschild: Ich habe A-MoIl entdeckt. Diesen Lagerfeuer-Akkord mit offenen Saiten. Und dann habe ich den immer im Badezimmer geschrammelt, weil es da so schön hallte und ich mich im Spiegel beobachten konnte. A-Moll im Badezimmer - ein Schlüsselerlebnis! Dann kamen immer mehr Akkorde dazu, Texte, Songs, eine Folk-Band... Das war mit achtzehn. Schließlich habe ich durch ,,The Girl From Ipanema" und Bossa Nova überhaupt zum Jazz gefunden.

Und ihn dann gleich studiert?
Haunschild: Sobald die erste Jazz-Abteilung einer deutschen Musikhochschule eröffnet war - Köln 1981; vorher gab es dort nur den ,,JazzWorkshop". 40 Studenten haben mit mir angefangen. Ich kenne heute noch jeden und freue mich immer wieder, jemanden davon zu sehen, z.B. im Fernsehen. Man sieht sie überall; alle haben es geschafft.

Und davor?
Haunschild: Da war ich freiberuflich Musiker, Lehrer an Musikschulen - ohne jede Ausbildung - damals ging das noch. Dann Zivildienst.

Und nach deinem Abschluss?
Haunschild: Ich habe, seit ich mit 18 zu Hause ausgezogen bin, ausschließlich von der Musik gelebt: Unterrichten, spielen, komponieren, Bücher schreiben. Ich schreibe Kolumnen, teste Gitarren und Verstärker, gebe Workshops usw. - ein sehr vielfältiger Beruf, auch schwierig, weil man sich gerne auf etwas konzentrieren würde. Aber man muss alles machen, um insgesamt davon leben zu können.

Und bei dir, Norbert?
Gottschalk: Ich habe im Kindergarten schon musiziert, Blockflöte usw. Und dann wollte ich irgendwann mal eine Gitarre und bekam ein Plastikding mit nur noch einer Saite drauf. Aber auf der habe ich rumgeritten, "Dead End Street" von den Kinks gespielt und unter Verlust eines Schuljahres geübt, bis ich besser war als meine Freunde - und immer dazu gesungen, ganz automatisch, nicht dass man auf AI Jarreau macht, sondern einfach die Stimme einbringt. Mit 16 habe ich dann Beatles-Sachen probiert, das war schon mal Klasse: mehrstimmiger Gesang, Übergänge, die ich fleißig rausgehört und gesungen habe. Dann hab ich mal in einer Band gespielt, auch E-Bass, und war irgendwann infiziert vom Jazz - witziger-weise durch Zigeuner-Jazz, bei dem mich dann schnell diese monotone Rhythmusgitarre nervte. Man sucht also Anderes, informiert sich, hört den Namen Wes Montgomery - und plötzlich wird da eine Tur aufgetreten. Und dann entdeckt man Akustisches wie Charlie Byrds Bossas - und schon ist man bei Jobim und hat eine Welt aufgetan. Da ist mit Wanderakkorden nichts mehr zu machen....

Und ab 18 hast du auch nur noch von der Musik gelebt?
Gottschalk: Ausschließlich. Ich hab zwar zwischendurch einen Ingenieurstudiengang belegt, weil meine Eltern meinten, ich sollte was Anständiges machen.... Aber gelebt habe ich von Musik, in allen möglichen Formationen, auch im Kabarett. Jetzt mache ich ausschließlich die Musik, die mir Spaß macht. Aber in diesen Musikjobs kann man sein Handwerkszeug entwickeln - und das ist auch gut.

Und das Geld?
Haunschild: Streckenweise war es hart.

Gottschalk: Jeder ist irgendwo käuflich. Aber es gibt Grenzen, jenseits derer man das weder körperlich noch seelisch durchhält. Dann spiele ich lieber für weniger Geld vor einem Publikum, das wegen uns kommt und wegen der Sachen, die wir wirklich gerne und gut machen, anstatt für viel Geld ,,Gildo hat euch lieb" zu singen. Man muss sich fragen: Kann und, will ich das machen - sogar längerfristig?

Haunschild: Ich will das gar nicht verteufeln. Es gibt auch Leute, die das wegstecken können. Ich kann das nicht - eine mir gleichgültige Musik machen, bloß um meine Miete zu bezahlen - was ja ein sehr legitimer Grund wäre... Ich kann nur die Musik machen, an die ich glaube und die ich gerne und gut mache - und so möchte ich es auch halten.

Immerhin bist du ja auch noch Buchautor.
Haunschild: Die Bücher - ja, die spielen eine große Rolle dabei. Das erste Mal habe ich eine Arbeit tun können (und das war sehr viel Arbeit) und habe nach getaner Arbeit (das Buch erscheint und verkauft sich immer weiter) jedes halbe Jahr einen Tantiemenscheck bekommen. Fünf Jahre habe ich Bücher geschrieben, aber als ich Norbert kennen gelernt habe, beschlossen damit aufzuhören. Ich hätte das ewig weitermachen können, wollte aber wieder zurück auf die Bühne, weil mir unheimlich was fehlte: der direkte Kontakt zur Musik, zu Kollegen, zum Publikum.

Und wie kam es zum Duo?
Haunschild: Wir haben ja witzigerweise zusammen studiert; Norbert fiel mir auf als der einzige Sänger, der damals wirklich Bebop-Linien scatten konnte. Aber wir hatten kaum etwas miteinander zu tun. Zusammen kamen wir, als wir beide Dozenten waren in Köln. Wir haben als Kollegen auf Sitzungen gemerkt, dass wir oft ähnlich denken. Dann haben wir ein Sextett gegründet - und feststellen müssen, dass der Markt dafür keine Chance bietet. Aber dabei sind wir uns nahe gekommen und haben 1995 dieses Duo gegründet. Seitdem arbeiten wir kontinuierlich an unserem Programm.

Inwiefern schlägt sich dies nun auf eurer neuen CD nieder?
Haunschild: Wir haben natürlich sehr viele Konzerte gespielt. Und dadurch haben sich neue Sachen ergeben - hauptsächlich, dass Norbert viel mehr Gitarre spielt als früher, wo es hieß: Gitarre: Frank, Gesang: Norbert. Inzwischen suchen wir mehr die verschiedenen Sounds, die zu zweit zu machen sind, und schon hat man sehr viel mehr Flexibilität. Zum Beispiel kann ich jetzt ein begleitetes Solo spielen. Andererseits beziehen wir immer mehr die akustische Gitarre ein. Wir besitzen beide sehr schöne akustische Gitarren....

....welche?
Haunschild: Jeder hat eine Taylor, ich noch eine Maton. Dadurch ergeben sich auch wieder neue Kombinationen aus E-Gitarre, Akustischer, Nylon- oder Stahlsaiten....

Hat sich auch stilistisch etwas getan?
Haunschild: Wir wollten ja schon auf der ersten Platte die Jazz-Elemente verbinden mit Pop- und Folk-Sachen - was nicht so einfach ist: unterschiedliche Spielweisen, unterschiedliche Gitarren, typische Sounds. Und diese Grenzen zwischen den Stilistiken wollten wir noch durchlässiger machen. Einfacher ist es eher, einen Stil in Reinkultur - straight-ahead Jazz, Folk, Boss Nova usw. - zu spielen, denn man bewegt sich in sicheren Grenzen: Man hat bestimmte Klischees, einen bestimmten Sound, eine Gitarre, die dazu passt. Sehr viel schwieriger wird es, wenn man versucht, diese Grenzen ein bißchen auf zu stoßen, auch in den Köpfen der Zuhörer.

Aber im Prinzip war das doch live schon angetestet....
Haunschild: Zum Teil schon. Wir haben uns aber auch Dinge überlegt, im Studio aufgenommen und mussten das live auch genauso rüberbringen. Das ist spannend. Oder umgekehrt: Sachen, die sich live ergeben, nehmen wir auf.

Gottschalk: Wir haben überhaupt wieder versucht, den Live-Charakter beizubehalten. Viele Sachen sind "first takes".

Haunschild: Und einiges hatten wir noch nie gemacht. Es wäre ja auch langweilig, immer in derselben Machart neue Stücke zu präsentieren. Wir suchen zumindest immer nach Neuem.

Hat die inflationäre Ausbreitung der Tuck & Patti-Besetzung, die euch auch inspiriert hat, hervorgehoben hat, solche Weiterentwicklungen an gestoßen?
Gottschalk: Ich muss sagen, das Ur-Duo sind für mich nicht Tuck & Patti, sondern definitiv Ella Fitzgerald & Joe Pass. Die haben für mich gezeigt, wo der Hammer hängt. Und Mundell Lowe und Sarah Vaughan. Lowe spielt immer noch.... Überhaupt diese reduzierte Form: nur Gitarre und Gesang.... Sechs Saiten, mit vier (mit Daumen fünf) Fingern. Da muss man aussuchen, was wirklich wichtig ist, in welchen Tonarten man spielt, wo mal leere Saiten sind usw. Wir versuchen schon, besonders Frank, alles Mögliche zu nutzen, was eine Gitarre bietet. Bei "I Wish You Love" haben wir durchlaufenden Jazz-Bass, woanders eher Folkartiges - Jazz wird es dadurch, dass Frank durch die Tonarten improvisiert wie kaum jemand anders, so leicht, dass gar nicht auffällt, wie schwer das Stück ist....

Haunschild: So sollte es auch sein - angestrengt wirkende Musik ist nicht das Ziel.

Gottschalk: Auf einem Workshop wollte neulich eine Studentin ein tolles Stück machen. Ihre Altistin hat ihr dann gesagt: Mit diesem schweren Stück wirst du dich die nächsten zehn Jahre beschäftigen müssen. Und es stimmte. Man kann das nicht im Vorbeigehen machen, weil die Stücke eine Stimmung haben, eine gewisse Aussage, eine passende Tonart....Man muss sich reinfinden.

Haunschild: Beim Hören einer Probenaufnahme merkt man ganz schnell auch körperlich, ob sich einem bei der Musik das Gefieder sträubt. Aber erst dann, wenn man in ein Stück hineinschlüpft wie in einen ausgetretenen Schuh, spürt man: Das ist es! Wir haben den Ehrgeiz, nur Sachen von dieser Quatität aufzunehmen.

Was macht ihr denn konkret, wenn euch beim Abhören einer Probenaufnahme irgendetwas stört?
Haunschild: Wir haben als Lehrer ein analytisches Gehör entwickelt - auch uns selbst gegenüber. Nach der Aufnahme überlegt man. Es gibt ca. 50-100 musikalische Parameter. Ein paar greift man gezielt auf und ändert etwas das Tempo, die Tonart. Einen Halbton hoch, und du bist auf einem anderen Planeten!

Und das probiert ihr aus?
Haunschild: Es gibt kaum etwas, was wir nicht probieren, bis wir das Gefühl haben: Das Stück sitzt und passt zu uns. Dann kann man hinein-fließen. Man schließt live die Augen, spielt und singt und wacht erst wieder auf, wenn die Leute klatschen.

Gottschalk: Eben hatten wir doch diese Bemerkung über die Flut der Gitarre/Gesang-Duos. Wir kennen das, wir machen viele Workshops und kriegen Sachen zugeschickt nach dem Motto: Hört doch mal rein, wie findet ihr das? Und es sind immer wieder Leute, die individuell nicht schlecht sind; Gesang und Gitarrenpart sind für sich okay. Aber es ist nicht zusammen. Und solche Feinheiten entscheiden darüber, ob das gut oder schlecht ist. Und das ist das, was Tuck & Patti allen voraus haben: Sie sind ein Ehepaar. Die teilen ihr Leben und alles, was dazugehört. Und die hören auch gemeinsam Musik und sagen: Oh, das ist ein tolles Stück, das würden wir gerne machen!

Haunschlld: Und viele junge Duos stellen ihr Repertoire nicht sorgfältig genug zusammen. Sie verfolgen die Stücke nicht zurück bis zu den Originalaufnahmen. Sie übernehmen etwas, weil es angesagt ist bzw. jemand Angesagtes es spielt - und überlegen nicht, wie die anderen dazu kamen, das Stück auf ihre Weise zu machen.

Gottschalk: Und viele junge Leute spielen einen Song und merken gar nicht, worum es im Text geht. Wenn jemand auf der Bühne "Love For Sale" singt und dabei fröhlich ins Publikum lacht, merke ich, dass das Thema (Prostitution) gar nicht erfasst wurde - es klingt dann weder verrucht noch nach hartem Leben. Es gibt Musik, die wirkt allein durch ihre Töne - aber oft muss man einfach wissen, was im Text drinsteckt. Und Stücke mit ganz bescheuerten Texten machen wir nicht.

Zum Beispiel?
Gottschalk: ,Naima" - der Text von Jon Hendricks für bzw. über John Coltranes Frau als gute Mutter und Ehefrau, nach dem Motto: Tags macht sie den Abwasch, bringt die Kinder ins Bett, und abends darf sie dann ganz lieb zu ihm sein.... Ich kann so was nicht mehr singen, ich würde mich kaputtlachen!

Haunschild: dabei ist es ein wunderschönes Stück....

Gottschalk: Ja. Aber viele Leute machen sich über so etwas kaum Gedanken. Und wie Frank sagte:
Variation einer Variation und nicht den Urzustand....

Haunschild: Auf dieser Basis kann man dann eigentlich gar keine eigene Interpretation abliefern. Deshalb fehlen oft Kraft und Tiefe. Das Titelstück unserer neuen Platte ist im Original in den 60er Jahren erschienen. Wir haben uns davon sechs verschiedene Versionen angehört und uns so klarmachen können, welche Elemente es eigentlich enthält. Und dann haben wir eine eigene Fassung entwickelt, Elemente beibehalten und doch dem Stück eine eigene Note geben können.

Das klingt nach viel Arbeit - und wenig Inspiration....
Gottschalk: Es ist eher eine Sache von Bausteinen: man feilt an einem, bis er haargenau zwischen die anderen passt.

Haunschild: Das Solo, das ich bei ,,Bridges" spiele, wurde komplett im Studio improvisiert, ungeplant. Ich wusste nur, ich starte irgendwo, und ich komme auch irgendwo wieder an. Ich habe sofort den Einstieg gefunden, und es hat gepasst. Es war ein first take. Also, es ist schon viel Inspiration dabei. Aber bis man die Inspiration hat, und damit auch irgendwo landet - das ist schon viel Arbeit.

Gottschalk: Man kann Stunden und Wochen und Monate proben, und es kommt überhaupt nichts dabei raus. Und natürlich wissen wir viel, haben viel gehört. Und dann weiß man was ganz Tolles, will es machen - und es ist dann doch nicht gut! Es bringt nix, alles zu haben - es muss konkret zusammenpassen. Es geht eigentlich um kleine Sachen. Reduktion ist überhaupt das grosse Wort.... und dann hat man "space" das große Stichwort von Miles Davis: Freiraum. Ich gebe mir Zeit und Raum. Und dann geh ich mal ein Stückchen vor und sehe: Aha, da ist es gut, da steh ich sicher. Und damit liegen wir immer ganz gut.

Haunschild: Man muss sich Zeit lassen. Diese Dinge müssen reifen. Wir haben die erste Platte 1997 gemacht. Und als die fertig war, wussten wir schon: Wir machen eine zweite. Trotzdem hat es damit bis 2001 gedauert. Das Jahr hat 365 Tage, und viele davon ist man schwer beschäftigt oder macht Urlaub oder etwas mit der Familie. Wichtig ist, dass man die Geduld hat, aber auch die Beharrlichkeit. Wir haben die zweite Platte aufgenommen und wissen schon: Es wird eine dritte geben. Wir haben Dinge probiert, die nicht so geklappt haben, aber wollen diese Stücke weiter verfolgen.

Gottschalk: Indem wir sie live spielen.

Haunschild: Und sie dann irgendwann auch aufnehmen können. Man findet einen kleinen Dreh, und ein Stück fühlt sich auf einmal ganz anders an. Wir haben über 100 Stücke ernsthaft zusammen erarbeitet, mit wirklich viel Arbeit. Übrig bleiben am Ende vielleicht 30. Aber das macht uns nichts. Das Repertoire wächst - langsam, aber immerhin. Das ließe sich auch nicht wesentlich beschleunigen, wenn man dafür 365 Tage im Jahr hätte, denn die Dinge müssen sich eben auch setzen.

Vielen Dank für das Gespräch.


Michael Lohr in "Akustik Gitarre"
Januar/Februar 2002




 

 

 

 

 


 

 

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